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Gleichnis vom Grab des Verstandes und der lebendigen Überzeugung des Herzens 523

Administrator Beiträge: 10836 Forumgründer *****
Gleichnis vom Grab des Verstandes und der lebendigen Überzeugung des Herzens
« am: April 07, 2012, 02:29:37 Nachmittag »
Joseph von Arimathia war ein Freund des Nikodemus und tat den Bittgang zu Pilatus mehr im guten Namen seines Freundes als in seinem eigenen. Denn Nikodemus war ein großer, geheimer Verehrer Christi, aber er getraute sich aus einer gewissen Furcht vor den Hohenpriestern und Pharisäern nicht, so etwas ganz offenbar zu unternehmen. Daher übertrug er es seinem Freund, der ebenfalls ganz im geheimen ein großer Freund Christi war. — Diese kurze Vorbemerkung ist notwendig, damit man das Folgende klarer fasse.

Stellt euch nun unter Nikodemus die verborgene Liebe zum Herrn vor, unter Joseph von Arimathia aber stellt euch den Glauben an den Herrn vor.

Was ist der Glaube bezüglich der Liebe? — Er ist deren Handlanger! Also war auch Joseph von Arimathia hier ein Handlanger des den Herrn geheim liebenden Nikodemus.

Was verlangte aber der Glaube von Pilatus? — Er verlangte den Leichnam des Herrn, wickelte denselben, als er ihn vom Kreuze genommen hatte, in weiße Linnen, nach dem er den Leichnam zuvor mit köstlicher Spezerei gesalbt hatte, und legte ihn dann in ein frisches Felsengrab im eigenen Garten, in welchem Grabe noch nie jemand gelegen hatte.

Was bezeichnet wohl solches alles? — Dies alles bezeichnet die an und für sich edle Wißbegierde des Glaubens, die alles Erdenkliche aufsucht, um darin eine lebendige Befriedigung zu finden. Sie geht zu Pilatus und erbittet sich die Erlaubnis — das heißt soviel als: Solche Wißbegierde geht zur Welt und sucht in ihr alles Mögliche auf, was ihr zur Bestätigung der Wahrheit dienen könnte.

Hat sie von der Welt alles empfangen, was sie sucht, dann wendet sie sich zu dem Gekreuzigten. Aber wie? Sie sucht da alle Worte und Erklärungen ins helle Licht zu stellen, sie alsonach zu befreien von den geheimnisvollen, scheinbaren Widersprüchen, welche in der Heiligen Schrift vorkommen.

Dieses gelingt ihr auch; sie hat schließlich den Leichnam richtig von dem Kreuze, das in seiner Gestalt ja einen "Widerspruch" darstellt, befreit. Aber was hat diese edle Wißbegierde nun vor sich? — Sehet, einen toten Leichnam, in dem kein Leben ist! Die edle Wißbegierde sieht das auch ein; aber sie ist dennoch in sich erfreut über die glückliche Befreiung vom Kreuze. Sie salbt den Leichnam mit köstlichen Spezereien, wickelt ihn in weiße Linnen und legt ihn dann in ein neues Grab, darin noch nie jemand gelegen hat.

Was will das wohl besagen? — Durch solche gründliche Beleuchtung des Wortes in der Heiligen Schrift wird unfehlbar die Göttlichkeit desselben ersichtlich und wird auch also geachtet und hochgeehrt. Das ist die Salbung! Denn nicht selten drückt sich da jemand in den erhabensten Ausdrücken aus über die Würde und göttliche Hoheit der Heiligen Schrift; aber alles das ist die Salbung eines Leichnams.

Der Mensch mit dieser edlen Wißbegierde umwickelt nun solche erkannte Wahrheit mit der höchsten und reinsten Hochachtung, ja er erschauert über die Größe der Wahrheit in diesem Buche; und das ist nichts anderes als die Einwicklung des Leichnams in weiße Linnen. Wie unschuldsvoll und rein an und für sich solche Linnen sind, so auch ist jene demütige Erkenntnis. Aber der Leichnam, die Salbe, wie die Linnen sind nicht lebendig und geben auch kein Leben.

Man wird aber nun diesen Leichnam in ein neues Grab legen. Was ist denn das? — Da die Erkenntnisse, die der Mensch zufolge seiner edlen Wißbegierde sich zu eigen gemacht hat, ihm kein Leben, keine lebendige Überzeugung geben, faßt er sie alle zusammen und legt sie in das Grab seines tieferen Verstandes. Da legt er einen Stein darüber, das heißt, er legt über alle diese rein erkannten Wahrheiten einen recht schweren Zweifel. Denn er spricht: "Alle diese Lösungen der verborgenen Geheimnisse in der Heiligen Schrift lassen sich wohl überaus gut hören; aber die anschauliche Überzeugung geben sie dennoch nicht!"

Und sehet nun, das ist buchstäblich der Zustand eines jeden Viellesers! — Er kann all das Gelesene noch so gut verstehen, vom naturmäßigen bis zum innersten, geistigen Sinne; will er aber von all dem wohl Erkannten eine tatsächliche Probe, dann erfährt er, daß sich nicht einmal ein Sonnenstaubchen vor seinem Willen beugt! Und will er das Leben des Geistes schauen, so begegnet ihm statt dessen allezeit die Grabesnacht, in die er seinen Leichnam gelegt hat. Oder mit anderen Worten: Er bekommt über das Jenseits keine in sich selbst anschauliche Gewißheit, sondern alles ist bei ihm eine unerwiesene Behauptung, also ein Leichnam im Grabe!

Was aber ist ihm wohl damit geholfen? — Wenn er noch soviel gelesen hat, kann aber durch all das Gelesene zu keiner lebendigen Überzeugung gelangen, so gleicht er immer zu einem Joseph von Arimathia, der wohl einen Leichnam um den andern vom Kreuze nimmt und salbt und in weiße Linnen wickelt. Aber der Leichnam bleibt Leichnam und wird allezeit ins Grab getragen.

Betrachten wir daneben aber unsere Magdalena! Diese hat zwar auch allen diesen Handlungen beigewohnt. Aber sie wickelte den Leichnam oder das Wort nicht in Linnen und legte es nicht in das Grab, sondern in ihr liebeglühendes Herz. Und als sie dann zum Grabe kam, war der Stein des Zweifels durch die Macht der Liebe hinweggewälzt. Die Linnen lagen gut geordnet zusammengelegt im Grabe, welches soviel sagt als: Ihre Liebe hat das göttliche Wort in ihr lebendig geordnet. Sie fand keinen Leichnam mehr; aber dafür fand sie den Lebendigen, der aus dem Grabe auferstanden ist.

Was ist nun wohl besser: Den Leichnam in das Grab legen — oder den Lebendigen über dem Grabe finden? — Ich meine, es wird offenbar das zweite besser sein denn das erste.

Warum aber fand die Magdalena, was Joseph von Arimathia nicht gefunden hat? — Weil sie wenig gelesen, aber viel geliebt hat. Joseph aus Arimathia aber hatte viel gelesen — wie der Nikodemus — aber dafür weniger geliebt. Daher hatte er auch mit dem Leichnam zu tun — Maria Magdalena aber mit dem Lebendigen!