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12. Kapitel– „Fürchte dich nicht, Paulus..." (Apg 27,24) 647

Administrator Beiträge: 5386 Forumgründer *****
12. Kapitel– „Fürchte dich nicht, Paulus..." (Apg 27,24)
« am: Juni 08, 2011, 08:42:55 Vormittag »
10. Januar 1844 abends

[Ste.01_012,01] Schreibet nur nieder, was ihr habt!

[Ste.01_012,02] „Und (der Engel Gottes) sprach: ‚Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.‘“

[Ste.01_012,03] Ihr habt den Text gewählt, – freilich diesmal keine Zentral-, sondern nur eine Nebensonne; denn die Zentralsonnen sind nur in den Propheten und in den vier Evangelisten, insoweit sie eben nur die vier Evangelien beschreiben. Was außer dem ist, ist mehr historische Gelegenheitssache und betrifft weniger die Allgemeinheit, sondern vielmehr diejenige enger gefaßte Sphäre, in welcher der historische Teil vor sich ging.

[Ste.01_012,04] Und so ist eben der gewählte Text, obschon von einem Engel gesprochen, eine Botschaft an den Paulus, bei dem er dann auch in der Geltung als völlig abgeschlossen erscheint, und ist demnach, wie ihr leicht begreifen könnt, keine Zentral-, sondern nur eine Neben- oder Planetarsonne.

[Ste.01_012,05] Aber dessenungeachtet hat er dennoch in sich selbst Geistiges und somit auch weit um sich Leuchtendes; denn es ist ein großer Unterschied, ob da ein Engel aus dem Herrn spricht oder handelt, oder wenn der Herr Selbst aus Sich Selbst spricht oder handelt.

[Ste.01_012,06] Solches war notwendig voraus zu erinnern, damit ihr des Herrn Worte und des Herrn Handlungen vor den Worten und Handlungen der Engel und Apostel zu würdigen und klar zu unterscheiden vermöget. Und da ihr nun solches wißt, so wollen wir sehen, was und wieviel des allgemeinen Lichtes in dem angeführten Texte für unsere Sache vorhanden ist.

[Ste.01_012,07] „Fürchte dich nicht, Paulus“, spricht der Engel, „denn du mußt dem Kaiser vorgestellt werden!“ besagt soviel als: „Du Täter des Wortes des Herrn, fürchte dich nicht; denn der Herr will es, daß dich die Welt erkenne in deinem Tun. Und wird dich die Welt erkennen, so wird sie dir nachfolgen!“ Und in dieser Nachfolge besteht die versprochene Dotation derjenigen Männer, die mit Paulus im Schiffe sind. Denn sie besagt, daß eben diese Männer ebenso, wie Paulus selbst, nicht nur Hörer, sondern wahre Täter des Wortes Gottes werden werden.

[Ste.01_012,08] Aus dieser kurzen Darstellung geht dann auch klar hervor, daß der Herr dem Paulus dadurch nicht hat andeuten wollen, als hätte er etwa darum sollen dem Kaiser vorgestellt werden, um vor ihm entweder einen berühmten Redner oder einen Schauspieler zu machen, oder daß ihm der Herr die Männer des Schiffes darum zu einem Geschenk gemacht habe, damit Paulus aus ihnen eine Redner- oder Schauspielertruppe hätte gestalten sollen, welche sich dann unter seiner Direktion etwa vor dem Kaiser Roms produzieren sollte.

[Ste.01_012,09] Der Herr hat dem Paulus also zu keinem weltschimmernden Zwecke seine Schiffsgenossen geschenkt und hat sie auch sicher nicht etwa zu Leibeigenen des Paulus gemacht, sondern das Geschenk bestand darin, daß der Herr die Herzen der Schiffsgenossen Pauli erwärmte durch ein neu angefachtes Liebefeuer, durch welches sie dann die kurze Lehre Pauli verstanden und alsbald danach tätig wurden.

[Ste.01_012,10] Also in der lebendigen Nachfolge des Beispiels Pauli von seiten seiner Schiffsgenossenschaft bestand das Geschenk des Herrn an den Paulus; und also mußte Paulus auch nicht als ein gelehrter Philosoph und Zungenkünstler dem Kaiser vorgestellt werden, sondern als ein Täter des Guten, und zwar unter dem Zeugnisse der ganzen Schiffsmannschaft, welche durch die tatkräftige Weisheit Pauli zum Wohle Roms, wie des Kaisers, ist vor dem Untergang bewahrt worden.

[Ste.01_012,11] Aus diesem könnt ihr nun noch klarer erschauen, daß es da, bei Mir nämlich, weder auf Viel-Worte-Machen noch auf allerlei nichtige zeremonielle Spektakel ankommt, um irgend zum wahren Lichte zu gelangen, sondern allein auf das Tun nach Meinem Worte. Denn käme es auf viele Worte an, so hätte der zu Paulus gesandte Engel gut drei Tage lang reden können; aber er sprach nur weniges, und Paulus tat darauf vieles. Und das war besser, als wenn der Engel zu Paulus vieles geredet, Paulus aber darauf sehr weniges getan hätte.

[Ste.01_012,12] Bei Mir geht es nicht also zu wie bei euren Advokaten auf der Welt, die viel schreiben und auch viel reden, und wenn am Ende viel geschrieben und geredet ward, so kommt dann als Tat alles dessen für den Klienten ganz spottwenig heraus.

[Ste.01_012,13] Und auch geht es bei Mir nicht also wie bei euren Predigern auf der Welt, die allzeit von der Kanzel eine komplette Stunde lang allerlei Zeug herabschreien; wenn aber die Predigt fertig ist, gehen sie selbst also von der Kanzel, daß sie hernach nicht mit einem Finger das tatsächlich anrühren, was sie gepredigt haben, und neun Zehntel der Zuhörer gehen aus dem Bethaus, ohne sich nur drei Worte von der ganzen Predigt gemerkt zu haben, und ein Zehntel der Zuhörer, die sich etwas von der Predigt gemerkt haben, spricht am Ende: „Heute hat er wieder recht schön gepredigt!“

[Ste.01_012,14] Wenn aber einige Schritte außerhalb des Bethauses ihm ein armer, dürftiger Mensch begegnet und ihn um ein Almosen anspricht, so bekommt er als Frucht einer so schönen Predigt, wenn es gut geht, etwa gar einen kupfernen Kreuzer, welchen der Geber nicht selten mit ärgerlicher Mühe aus einem ganzen Sack voll besserer Münzen hervorsucht; oder der Angeredete spricht zum armen Almosenfleher: „Helf Gott! Ein anderes Mal; heute habe ich nichts Kleines bei mir!“

[Ste.01_012,15] Seht, aus diesen aus dem Leben gegriffenen Beispielen wird etwa doch klar genug hervorgehen, wie schandmäßig klein und gering die Handlung auf eine so ungeheure Predigt folgt. Wäre es nicht besser, wenn die Predigt in wenigen Worten bestünde, nach diesen Worten aber dann der Prediger selbst seinen Zuhörern mit einer tatsächlichen Predigt als Muster gleich dem Paulus vorangehen möchte, welches Beispiel eine große Anzahl von seinen Zuhörern zur gleichen Tätigkeit anfachen würde, auf daß Ich zu dem Prediger dann ebenfalls sagen könnte: „Siehe, alle die hier in diesem Hause sind, habe Ich dir geschenkt, weil du sie durch deine Tat zu Tätern Meines Wortes gemacht hast.“

[Ste.01_012,16] Es steht freilich wohl geschrieben, daß man Wohltaten im Verborgenen üben soll. Das ist auch richtig und wahr. Wenn es sich bloß um die Unterstützung handelt, dann auch soll die Tat verborgen bleiben; aber wenn die Tat eine Lehre sein soll, dann darf ihr Licht nicht unter einen Scheffel gestellt sein, sondern da ist es notwendig, daß Paulus dem Kaiser vorgestellt werde. Und wer da lehrt durch die Tat, dem sollen auch die geschenkt sein, die er durch seine Tat erweckt hat!

[Ste.01_012,17] So aber jemand nur durch Beredung zu einer guten Tat bewogen hat, dann bleibt es auch gewöhnlich nur bei der beredeten Tat; und soll da eine zweite ausgeübt werden, so gehört dazu ebenfalls wieder eine ellenlange Rede, wovon ihr in den vielen Wohltätigkeitsaufrufen die sprechendsten Beispiele findet.

[Ste.01_012,18] So in irgendeiner Zeitung ein privilegierter Marktschreier, gewöhnlich laut eines amtlichen Ansuchens, einen solchen Wohltätigkeitsaufruf ergehen läßt, da tun dann viele etwas, damit ihre Namen allenfalls auch in der Zeitung bekanntgemacht werden und allenfalls die nächsten öffentlichen Behörden solche Wohltäter in eine gute Note nehmen, – aber aus wirklicher Liebe tut keiner etwas. Und ist der Aufruf einmal verklungen, da kräht kein Hahn mehr nach denjenigen Dürftigen, für die der Aufruf galt.

[Ste.01_012,19] Sollen etwa solche Wohltäter dann auch dem Aufrufmacher zum Geschenke werden? O nein! Die gehen ihn so wenig an als euch der Mittelpunkt derjenigen Sonne, die eher vergehen wird, als bis ihr Licht auf eurer Erde anlangen wird.

[Ste.01_012,20] Ich meine, das Licht dieser ‚Nebensonne‘ wird auch klar genug sein; wer es benutzt, wird mit einer Zentralsonne belohnt. Wir aber wollen dieser Klarheit ungeachtet dennoch abermals zu einer anderen Zentralsonne schreiten!