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Hoheslied 1 1370

Administrator Beiträge: 5386 Forumgründer *****
Hoheslied 1
« am: Mai 25, 2011, 12:43:50 Nachmittag »
1 Das Hohe Lied Salomo.
2 ER küsse mich mit dem Kusse Seines Mundes, denn Deine Brüste sind lieblicher denn Wein.
3 Das man Deine gute Salbe rieche, Dein Name ist eine ausgeschütte Salbe, darum lieben Dich die Mägde.
4 Zieh mich Dir nach, so laufen wir! Der König führet mich in Seine Kammer, wir freuen uns und sind fröhlich über Dir. Wir gedenken an Deine Brüste mehr, denn an den Wein. Die Fromen lieben Dich.
5 Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Hütten Kedars, wie die Teppiche Salomos.
6 Seht mich nicht an, das ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt. Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir. Man hat mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt, aber meinen Weinberg den ich hatte, habe ich nicht behütet.
7 Sage mir an du, den meine Seele liebet, wo du weidest, wo du ruhest im Mittage? Das ich nicht hin und her gehen müsse, bei den Herden deiner Gesellen.
8 Kennest du dich nicht, du schönste unter den Weibern? So gehe hinaus auf die Fußstapfen der Schafe und weide deine Böcke bei den Hirten Häusern.
9 ICH vergleiche dich, meine Freundin, meinem reisigen Zeuge an den Wagen Pharao.
10 Deine Backen stehen lieblich in den Spangen und dein Hals in den Ketten.
11 Wir wollen dir güldene Spangen machen mit silbern Pöcklin.
12 Da der König sich her wandte, gab meine Narde seinen Rauch.
13 Mein Freund ist mir ein Büschel Myrrhen, das zwisschen meinen Brüsten hängt.
14 Mein Freund ist mir eine Traube von Zyperblumen in dem Weingarten zu En-Gedi
15 Siehe, meine Freundin, du bist schön, schön bist du. Deine Augen sind wie Taubenaugen.
16 Siehe mein Freund, du bist schön und lieblich. Unser Bett grünet.
17 Unser Häuser Balken sind Zedern, unser Latten sind Zypressen.

Lutherbiblia 1545



ERKLÄRUNGEN aus dem Großen Evangelium Johannes, Band 4

Kap. 169
   01] Sage Ich zu Simon: »Ist also dein Gefährte ein großer Freund des Salomo? Und was versteht er denn aus dessen Hohemliede? Sage Mir, wieweit ihr darin schon vorgedrungen seid!«
   02] Sagt Simon: »Herr und Meister Himmels und dieser Erde! Darf ich so, wie mir die Zunge gewachsen ist, ganz von der Leber weg reden, so rede ich gerne; wenn ich aber klauben (mühevoll suchen), da ist's zu bei mir, - denn da bringe ich nichts heraus!«
   03] Sage Ich: »Rede, wie dir die Zunge gewachsen ist; denn dein Witz und Humor entstammt einem guten Samenkorne!«
   04] Sagt darauf Simon: »Ach, wenn so, da werden wir schon etwas herausbringen! Aber freilich über meinen höchst einfachen Verstand hinaus wird's nicht reichen; doch soll meine Meinung keine ungesunde sein!
   05] Du, o Herr und Meister, fragtest, wieweit wir schon im Hohenliede vorgedrungen wären! Hilf, Elias, ich bin noch gar nicht vorgedrungen; denn da wäre mir um die Zeit leid gewesen! Aber Gabi hat bereits das ganze erste Kapitel auswendig im Kopfe. Noch immer schleckt und kauet er daran und nimmt allzeit die beiden Backen voll; aber von dem Sinne dieses Kapitels hat er ebensowenig Kenntnis wie ich vom tiefsten Meeresgrunde. Das Schönste dabei ist aber, daß man dieses Liedes erstes Kapitel stets weniger versteht, je öfter man es liest! Und wenn man es gar am Ende noch dazu auswendig kann, da versteht man es dann schon am allerwenigsten!«
   06] Sage Ich: »Ja, kannst du etwa das erste K A P I T E L auch auswendig?«
   07] Sagt Simon: »Der - hat es mir ja schon so oft vorgeleiert, daß ich es nun leider auch schon von Wort zu Wort auswendig kann zu meinem größten Überdrusse! Mit den Skythen (barbarisches Reitervolk) reden, ist viel unterhaltender, als sich das Hohelied Salomos vorsagen. Wer daran etwas findet, der muß ein Kind ganz kurioser Eltern sein. Ich halte es für einen Unsinn! So schön, wahr und gut die Sprüche Salomos sind und auch seine Predigten, ebenso dumm und gar nichts sagend ist dann sein Hoheslied. Wer daran etwas mehr als ein Werk eines Narren findet, der hat offenbar ein vollkommen krankes Gehirn!
   08] Was soll zum Beispiel das heißen: >Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein.< Wer ist der >er<, und wer ist der >micher< den ebenso unbekannten >mich< mit des >er's< eignem Munde küssen!? Hat denn dieser >er< auch andere fremde Munde in seinem Gesichte? Das muß dann ein sehr wunderlich sonderbares Wesen sein!
   09] Der Nachsatz dieses ersten Verses scheint offenbar den Grund des Verlangens im Vordersatze zu enthalten; aber da steht der >er< in der zweiten Person, und man kann's nicht als bestimmt annehmen, daß unter dem Ausdrucke >deine Liebe<, die lieblicher denn der Wein sei, eben des >er's< Liebe! gemeint sei. Weiß man aber schon nicht, wer der >er< und wer der >mich< ist, woher soll man dann erst wissen, wer der ist, dessen Liebe in der zweiten Person lieblicher als der Wein sein soll?
   10] Übrigens ist da auch damit der Liebe kein besonderes Kompliment gemacht, wenn man sagt, daß sie lieblicher als der Wein sei, so der Wein zuvor nicht als ein besonders köstlicher bezeichnet wird. Denn es gibt ja auch ganz elende und schlechte Weine! Ist aber die Liebe nur köstlicher oder lieblicher als der Wein, ohne Unterschied seiner Qualität, dann ist solch eine Liebe wahrlich durchaus nicht gar weit her! Es mag über all diesem Geplauder wohl immerhin etwas Besonderes darin stecken, aber ich finde es doch auf dieser Welt nimmer heraus.
   11] Zum größten Überflusse zur Zeigung meines Blödsinnes will ich noch den zweiten Vers zum ersten ankleben; der lautet, so mich mein Gedächtnis nicht trügt: >Daß man deine gute Salbe rieche; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde.< Da paßt der zweite Vers, meinem Verstande nach, doch geradeso auf den ersten, wie ein ganzes Haus auf ein Auge hinauf! Was ist denn das für eine Salbe, und wessen? Wer soll denn diese Salbe riechen? Wie kann jemandes Name eine ausgeschüttete Salbe sein, und warum soll er gerade darum von den Mägden geliebt werden? Was sind das für Mägde?
   12] Darum fahre ab, großer Salomo, mit all deiner hohen Weisheit! Ein Wort von Dir, o Herr, hat für mich ja einen tausendmal tausend Male größeren Wert als alle die hohe Salomonische Weisheit! Nun habe ich von Salomo schon wieder genug! O Herr, ich bitte Dich, schenke mir die weiteren Verse; denn die gehen schon bei weitem übers Skythische hinaus!«
   13] Sage Ich: »Ganz gut, Mein lieber Simon, könntest du Mir nicht auch jene Mahnworte wiedergeben, die Ich auf dem Berge zu jenen gesprochen habe, die des schönsten Morgens wegen nicht vom Berge hinabgehen wollten, von welchen Worten du behauptetest, daß sie sicher keinen innern, geistigen Sinn haben würden? Wenn du dich deren noch erinnerst, so sage sie Mir noch einmal vor!«
   14] Sagt Simon, mit einem etwas verlegenen Gesichte: »O Herr und Meister, so mich mein Gedächtnis nicht trügt, da hießen die wenigen Worte etwa wohl also: >Unten bei den frei stehenden Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießet ihr ihn, und unten werdet ihr ihn doppelt genießen. Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und so gehen wir behende hinab zu den Tischen!< Ich glaube, daß Du, o Herr und Meister, gerade also gesprochen hast?!«
   15] Sage Ich: »Ganz gut, Mein lieber Simon! Du hast den Satz von Wort zu Wort vollkommen richtig wiedergegeben. Aber was sagst du dazu, so Ich es dir nun sage, daß solcher von Mir ausgesprochene Mahnsatz geistig ganz dasselbe nun als erfüllt besagt, wie deine zwei Mir aus Salomos Hohemliede vorgetragenen Verse?! Kannst du dir hierin irgendeine Möglichkeit denken?«
   16] Sagt Simon: »Ehe ich das begreife, eher begriffe ich, daß das bedeutende Meer sich morgen schon in die üppigsten Fluren umgestalten wird. Denn was Du, o Herr, auf dem Berge gesprochen hast, das war klar und allerdeutlichst, und wir verstanden alle nur zu gut, was wir angenehmstermaßen zu tun hatten, nämlich hinabzugehen, uns ganz wohlgemut an diesem herrlichsten Morgen zu den Tischen zu setzen und unsere Leiber mit einem bestbereiteten Morgenmahle zu stärken! Wer das etwa nicht verstanden hat, der muß nur ganz stocktaub gewesen sein.
   17] Wer aber versteht also auch die beiden Verse des Hohenliedes? Die sind naturgemäß, wie ich gezeigt habe, ein barster Unsinn! Sind sie aber das, wer kann dann darin im Ernste noch einen höchst weisen, geistigen Sinn suchen wollen? Das kommt mit Fug und Recht mir nun gerade so vor, als sollte ich mir von einem mehr Tier als Mensch seienden Stummtrottel die Vorstellung machen, daß er ein weiser Plato sei! Übrigens, - möglich ist alles, warum dieses nicht?! Ich gebe hier nur an, wie ich es nun fühle und empfinde.«
   18] Sage Ich: »Desto besser; denn je mehr Unmögliches du nun daran findest, desto wunderbarer wird dich hernach die Aufhellung berühren: Aber es ist auch das nun wunderbar, daß du und deinesgleichen mit offenen Augen noch immer nichts sehet und mit offenen Ohren nichts vernehmet! Aber lassen wir das! Weil dir das Hohelied so geläufig ist, so sage Mir zu den zwei Versen auch noch den dritten hinzu, und Ich werde dann gleich imstande sein, vor dir das dir so unentwirrbare Rätsel sicher vollkommen zu deiner Zufriedenheit zu lösen!«
   19] Sagt Simon: »O weh, auch den dritten Vers noch?! Dir zuliebe, o Herr, tue ich schon gerne alles, was Du von mir verlangst; aber sonst kann ich Dir versichern, daß mir das nahe den Magen umkehrt!
   20] Der dritte Vers ist erst recht verwirrt. So mich mein Gedächtnis nicht trügt, da lautet der berühmte dritte Vers ungefähr also: >Ziehe mich dir nach, so laufen wir! Der König führet mich in seine Kammer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an deinen Wein. Die Frommen lieben dich.<
   21] Da ist er nun! Wer ihn verdauen kann, der verdaue ihn! Wenn es im Anfange nur hieße: >Ziehe mich dir nach, so laufe ich!<; aber so heißt es im Nachsatze: >so laufen wir!< Wer ist der, so da nachgezogen sein will, und wer hernach die >wir<, die da laufen?
   22] >Der König führet mich in seine Kammer.< Welcher König denn, der ewige oder irgendein zeitlicher und weltlicher? Der Satz ist aber übrigens noch immer einer der besten.
   23] >Wir freuen uns und sind fröhlich über dir.< Hier möchte ich nur wissen, wer da die >wir< sind, und wer der ist, über den sie fröhlich sind!
   24] Ferner gedenken die gewissen Unbekannten des auch gewissen Unbekannten Liebe mehr denn des Weines, von dem auch nicht gesagt wird, von welcher Güte er sei!
   25] Wer ist am Ende der höchst unbekannte >dich<, den die Frommen lieben? Oh, der unbestimmtesten aller Redeweisen!
   26] Was ist der Mensch dieser Erde doch für ein armseligster Tropf! Mit nichts fängt er an, lebt mit nichts und hört endlich wieder mit nichts auf. Wenn er auch glaubt, etwas zu verstehen seines Lebens bessere und hellere Periode hindurch, kommt aber dann unglücklicherweise hinter Salomos Hoheslied, so ist der Narr vollkommen fertig; denn sobald der Mensch einmal durch Wort oder Schrift von seiten eines anderen Menschen aufmerksam gemacht worden ist, daß es mit seiner Weisheit vollkommen aus ist, dann ist es schon auch rein aus mit dem Menschen selbst, das heißt, er lebt wohl noch fort, aber als ein Narr, der nichts weiteres mehr zu fassen und zu begreifen imstande ist! Ist der Mensch mir gleich bis dahin gekommen, wo es gar nicht mehr weitergehen will, so kehrt er wieder um und fängt wie ein Tier an, bloß zu vegetieren. Wozu auch einer weiteren Mühe um nichts und noch tausendmal nichts?!
   27] Wahrlich, Herr und Meister, Du hast uns auf dem Berge diese Nacht hindurch Dinge gezeigt, wie sie auf dieser Erde noch nie den sterblichen Menschen irgendwann gezeigt worden sind! Ich begreife und verstehe nun ungeheuer vieles- Aber warum begreife ich denn Salomos Weisheit nicht? Darf sie überhaupt kein Mensch begreifen, oder ist sie wirklich - was sie dem Außen nach sehr scheint - ein frommer Wahnsinn, also durchaus nie zu begreifen? Oder sind da doch irgend Geheimnisse darin verborgen, die von größter Lebenswichtigkeit wären?
   28] Wenn eines oder das andere, da sage es mir! - denn Dir allein glaube ich, was Du im Ernste darüber sagest; denn Du kannst das Hohelied wohl verstehen, wenn es überhaupt zu verstehen ist! Ist aber das ganze Hohelied nur so eine letzte Salomonische Weisheitsschwindelei, so sage es mir auch, und ich werfe gleich das ganze Hohelied in eine Kloake, damit deren Einwohner aus ihm die Weisheit Salomos studieren sollen!«

Kap. 170
   01] Sage Ich: »Freund, du wirst mit deinem Witze zwar ein wenig schlimm, und Ich möchte zu dir nun auch sagen, was dereinst ein berühmter Maler zu einem Schuster gesagt hat! Aber es kann bei dir jetzt noch nicht anders sein; denn nach Salomo hat ja alles seine Zeit auf dieser Erde. Fasse dich aber nun ordentlich und mit viel gutem Willen, so soll dir Salomos Hoheslied ein wenig näher beleuchtet werden, und wie es mit Meiner kurzen Mahnrede auf dem Berge völlig einstimmig ist und dasselbe besagt.
   02] Salomo hat in seinem Hohenliede nichts als nur Mein nunmaliges Sein prophetisch unter allerlei Bildern, die voll geistiger Entsprechung sind, den Menschen von Tat zu Tat, von Stellung zu Stellung und von Wirkung zu Wirkung dargestellt. Ich allein bin sein Gegenstand; der 'er' und der 'du', der 'ihm' und der 'dich' bin alles Ich. Wer aber aus Salomo spricht mit Mir, ist dessen Geist in der Einzahl, und in der Vielzahl sind es des Volkes Geister, die sich gewisserart in Salomos Königs- und Herrschgeiste für einen und denselben Zweck einen und alsonach eine moralische Person darstellen.
   03] Wo es heißt: 'Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes', so heißt das soviel als: Der Herr rede aus Seinem wahrhaft eigenen Munde zu mir, Salomo, und durch mich zum Volke Israel und durch dieses zu allen Menschen der Erde; der Herr rede nicht mehr pur Worte der Weisheit, sondern Worte der Liebe, des Lebens zu mir! Denn ein Wort der Liebe ist ein wahrer Kuß des Gottesmundes an das Herz des Menschen; und darum sagt Salomo: 'Er (der Herr) küsse mich mit dem Kusse seines Mundes!'
   04] Nun paßt dann der Nachsatz schon ganz gut darauf, wo es heißt: 'Denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein', oder: Deine Liebe ist mir und allen Menschen dienlicher als die Weisheit. Denn unter 'Wein' versteht man allzeit Weisheit und Wahrheit.
   05] Daß Salomo im ersten Bittsatze, als um das Wort der Liebe bittend, noch in der dritten Person zu Mir seufzet, bezeichnet, daß er durch die alleinige Weisheit Mir noch ferne ist; durch die zweite Person im Nachsatze, wo der Grund der Bitte des ersten Satzes ausgesprochen wird, aber bezeiget Salomo die schon größere Annäherung Gottes auf dem Wege der Liebe denn auf dem Wege der puren Weisheit. Den Kuß, die Liebe aber, um die Salomo in seinem Hohenliede gebeten hat, bekommt ihr alle soeben von Mir, und so dürfte dir, Mein lieber Simon, nun der erste Vers des Hohenliedes wohl schon ein wenig klarer sein, als er dir zuvor gewesen ist!«
   06] Sagt Simon: »O Herr, nun ist mir dadurch freilich auch schon der zweite Vers klar, und ich getrauete mir ihn nun zu erläutern!«
   07] Sage Ich: »Tue das, und wir werden es sehen, wie du den zweiten Vers aufgefaßt hast aus dem Lichte des ersten Verses!«
   08] Sagt Simon: »Das wird nun schon offenbar soviel heißen: Herr, so Du mich aber küssest mit dem Kusse Deines Mundes, so Dein Wort Liebe wird, also eine wahre Salbe des Lebens, so möge diese Salbe, dies Dein göttliches Liebewort, für die Menschen alle verständlich sein. Denn man sagt ja schon oft im gewöhnlichen zierlich 'riechen' statt 'verstehen'. Man sagt oft: 'Riechest du, wo das hinaus will?' oder: 'Er hat den Braten oder die Salbe gerochen!'
   09] Nun bist Du, o Herr, da bei uns, wie auf die Bitte Salomos im ersten Verse! Wir haben Deinen Namen, Dein heilig Liebewort, das wohl köstlicher ist denn Salomos pure Weisheit! Wir haben nun die vor uns ausgeschüttete Salbe, Deinen Namen, Deine Liebe, Dein heilig Lebenswort, allen verständlich, vor uns.
   10] Nun, die Mägde, die Dich darum lieben, sind offenbar auch wir, vom Standpunkte unserer beschränkten Einsicht und Verständnisses aus betrachtet! Denn eine Magd ist zwar ein lieblich Wesen, ist nicht ganz ohne Einsicht und Verstand, aber von einer großen männlichen Weisheit kann, wenigstens im allgemeinen angesehen, keine Rede sein. Daher sind wir offenbar die Mägde, die Dich, o Herr, über alles lieben, weil uns Dein Liebewort verständlich ist, für uns also eine ausgeschüttete Salbe ist, an deren köstlichem Geruche wir uns gar wunderbar ergötzen. - Sage mir, o Herr, ob ich denn wohl nach dem ersten Verse den zweiten richtig aufgefaßt habe!«
   11] Sage Ich: »Ganz vollkommen richtig und grundwahrheitlich! Es ist mit dem sehr unverständlich scheinenden Hohenliede der Fall, daß es ganz leicht begriffen werden kann, wenn jemand nur den ersten Vers richtig auf dem Wege der Entsprechung aufgefaßt hat. Da du nun aber den zweiten Vers so ganz vollkommen richtig aufgefaßt hast, so versuche dich nun noch am dritten Verse; vielleicht wirst du auch da den Nagel auf den Kopf treffen!«
   12] Sagt Simon: »O Herr, nun wagete ich mich schon gleich uns ganze Hohelied! Aber der dritte Vers liegt nun nach den zwei ersten doch so klar wie dieser herrlichste Morgen vor mir enthüllt!
   13] 'Ziehe, o Herr, mich Dir nach, so laufen wir!' Wer kann sonst wohl geistig ziehen, als allein nur die Liebe?! Und die Folge ist, daß diejenigen, die mit und durch die Liebe unterwiesen und gezogen werden, in einem Augenblicke mehr fassen und begreifen, daher im Erkenntniswachstume wahrhaft laufen, denn durch die trockene und kalte Weisheit in vielen Jahren. Die einfache Person im ersten Satze ist also nur eine moralische und erscheint im zweiten Nachsatze geteilt in der Vielheit, was vorderhand doch offenbar wir sind, und danach ganz Israel, und am Ende gar alles, was auf der ganzen Erde Mensch heißt.
   14] Der König, der Ewige, der Heilige führet mich und uns alle nun wohl freilich in die allerheiligste und lichtvollste Liebe- und Lebenskammer Seines allerheiligsten Vaterherzens! Und wir freuen uns nun wohl und sind über die Maßen fröhlich über Dir und gedenken sicher Deiner Vaterliebe tausend Male mehr denn aller der trockenen und kalten Weisheit! Nur in Deiner Liebe sind wir voll Demut und einfältigen und dadurch frommen Herzens; wir sind dadurch fromm und lieben Dich, o Herr, erst vollkommen in dieser unserer Frömmigkeit.
   15] Der Weisheit Morgen, entsprechend dem auf dem Berge oben, ist zwar herrlich und schön: aber hier unten bei den gastfreiesten Liebesmahltischen in der großen, heiligen Kammer Deines allerheiligsten Vaterherzens weilet freilich auch derselbe Morgen des wahren Lebens. Oben auf dem Berge genossen wir, also noch in der wahren Erkenntnis Unterwiesene, den herrlichen Lebenslichtmorgen; aber es waren dort keine Tische mit den nährenden und das Leben stärkenden köstlichen Speisen bestellt.
   16] Wohl gefiel uns das Licht der tiefsten Weisheit; aber Du sahst auch schon in vielleicht so manchen den Keim des Dünkels, im Herzen der Furche des Lebensgärtchens entsprossen, und sagtest mit den hinreißendsten Liebeworten: 'Kinderchen, unten in der Demutstiefe weilet derselbe Morgen! Wenn ihr den kurzen Weg von der Eigendünkelshöhe, die gewöhnlich eine Folge hoher, purer Weisheit ist, hinab in der Liebe Demutstiefe steiget, so genießet ihr ja denselben Lichtmorgen! Und unten in der Tiefe der Liebe weilet er auch so wie hier, und ihr genießet ihn doppelt; denn dort ist nicht nur ganz dasselbe Licht, sondern auch in der Liebe und Demut die Quelle des Lichtes und des Liebelebens daheim! Unten stehen die vollen Tische zur Stärkung, Ernährung und Erhaltung des Lebens in seiner Ganzheit!'
   17] Dahin, o Herr, hast Du uns gezogen durch den wahren Kuß Deines heiligen Mundes, und wir haben dann nicht mehr gesäumet, sondern sind Dir nachgelaufen und lieben Dich als nun Deine in aller Liebe und Demut wahrhaft Frommen! - Herr, habe ich die Sache wohl recht aufgefaßt und dargestellt und erraten den innern Sinn Deiner auf dem Berge ausgesprochenen Mahnworte?«

Kap. 171
   01] Sage Ich: »Ganz vortrefflich! Wenn Ich Selbst dir und euch allen die Verse des Hohenliedes, und damit vergleichend Meine Mahnworte, auf dem Berge erklärt hätte, so hätte Ich Mich sogar ganz derselben Worte bedient. Da hast demnach die gute Sache zu Meiner vollsten Zufriedenheit erörtert. Da du aber nun schon der Hoheliedserklärer geworden bist, so könntest du dich nun etwa wohl mit ein paar Versen des ersten Kapitels weiter versuchen! Oder ist jemand anders unter euch, der das vermöchte?«
   02] Sagen alle: »Herr, wir vermögen es dennoch nicht, obwohl es uns vorkommt, als vermöchten wir es!«
   03] Sagt Simon: »O Herr, da hat's bei mir nun gar keinen Anstand mehr; das verstehe ich nun auf einmal ganz gut, und sicher auch ganz richtig!
   04] Ein weiterer Vers heißt: 'Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Hütten Kedars, wie die Teppiche Salomos.' Dies nun in unsere natürliche Zunge übertragen, kann doch nichts anderes besagen als: 'Ich, der Herr, nun in der Welt bei euch blinden und vielfältigst hochmütigen Menschen, bin von euch meistens ungekannt und von eurer hohen Welt tiefst verachtet, und in Mir aber dennoch voll der tiefsten Demut und Sanftmut, Geduld und Liebe zu euch Töchtern Jerusalems!'
   05] Wer sind die Töchter Jerusalems? Diese sind der Hochmut, der Stolz, die Herrsch- und Habsucht der Nachkommen Abrahams; das sind die gezierten Töchter Jerusalems, denen aber der verachtete, also vor ihnen schwarze Herr, der erste Mensch aller Menschen, doch gnädig und barmherzig ist und lieblicher und liebevoller als die von außen gar elend aussehenden Hütten Kedars (Kai-darz), die aber inwendig dennoch reichlichst ausgestattet waren mit allerlei Schätzen zum Verteilen unter die gerechten Armen und Notleidenden und auch lieblicher denn Salomos wertvollste Teppiche, deren äußere Gesichtsseite ein dunkelgrauer, härener Stoff war, das Untere und Inwendige aber die kostbarste indische Seide, mit feinstem Golde durchwebt.
   06] Weiter heißt es: 'Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin (vor euch Töchtern Jerusalems); denn die Sonne (euer Weltstolz) hat mich verbrannt (vor eurem hochmütigen Weltangesichte)! Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir.' Wer anders kann Deine Mutter in Dir, o Herr, sein als Deine ewige Weisheit, so wie der Vater in Dir Deine ewige Liebe ist?! Deine Mutter ist auch gleich Deine ewige Ordnung, deren mit Dir, o Herr, zürnende Kinder den ewig unendlichen Raum erfüllen und durch ihre Ordnung der großen Unordnung der Kinder Israels zürnen.
   07] Denn diese heilige Ordnung 'hat man zur Hüterin der Weinberge gesetzt', das heißt: Dein Wille im Vereine aller Deiner Himmelsmächte hat den Menschen diese Ordnung gegeben durch Gesetze, daß durch sie die Weinberge, das sind die Menschengemeinden, in der Ordnung der Himmel verblieben.
   08] 'Aber meinen Weinberg, den ich hatte, habe ich nicht gehütet!' Das heißt soviel als: 'Meine ewige, göttliche, unzugängliche Höhe und Tiefe habe Ich außer der Flut gesetzt!', - wovon hoffentlich für jedermann Deine hier höchst zugänglichste Gegenwart doch das sprechendste Zeugnis gibt. Deine höchsten und unzugänglichen und lichtvollsten Himmel hast Du verlassen, um hier in der tiefsten Demut, also schwarz vor den Kindern dieser Erde, zu erscheinen und die gerechten Armen aber zu führen in Deine Kammer, in die rechte Hütte Kedars. - O Herr, sage mir nun, ob ich wohl auch die von Dir noch nachverlangten zwei Verse richtig beurteilt habe!«
   09] Sage Ich: »Ganz richtig; darum gib uns noch die Erklärung des sechsten Verses zu den fünfen!«
   10] Sagt Simon: »Dir ewig meine vollste Liebe und meinen innersten Dank, daß Du, o Herr, mich jungen Burschen würdigest durch Deine Gnade und Liebe, hier jene tiefen Geheimnisse vor denen, die Dich lieben, aufzudecken, die, seit sie geschrieben worden sind, bis jetzt noch niemand aufgedeckt hat! Meine Seele freuet sich dieser Gnade über alle die Maßen. Es ist aber dennoch kein Hochmut darob in ihr; im Gegenteile werde ich nur stets demütiger, je mehr ich Dein Alles und mein vollkommenes Nichts einsehe und begreife. Aber Du, o Herr, weißt es ja, daß ich stets mit dem guten Humor etwas zu tun habe, und der köstliche Wein stimmt mich noch mehr dazu, und so kann ich hier beim verlangten sechsten Verse schon nicht umhin, so ernst er auch immerhin ist, einen kleinen Humor anzubringen!«
   11] Sage Ich: »Rede du, wie dir Herz und Zunge gewachsen sind!«
   12] Spricht Simon weiter: »Hätte Salomo oder seine mit aller Weisheit erfüllte Seele die Gelegenheit gehabt, hier in unserer Mitte zu sein, so hätte sie den sechsten Vers sicher nicht niedergeschrieben; denn im sechsten Verse sagt Salomo: 'Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo da ruhest im Mittage, daß ich nicht hin und her gehen müsse bei den Herden deiner Gesellen!' Denn da hätte Dich Salomos und durch ihn seines Volkes Seele, Deine Schafe weidend am Morgen, Mittage, Abende und auch in der Mitternacht, sicher gefunden; also stets tätig und nicht allein im Mittage ruhend!
   13] Ich meine, der ewige Mittag Deiner Ruhe - das ist jene unendlich lange Zeitendauer, in der Du nicht, wie jetzt, Selbst mit den Menschen umgingst, sondern sie überlassen hast Deinen Gesellen, die immer dümmer und hochmütiger geworden sind - sei nun vorbei, und ein neuer und ewiger Lebensmorgen ist uns aufgegangen, und wer Dich erkannt hat, wird Dich wohl nimmer hin und her suchen bei Deinen nun höchst dumm und träge gewordenen Gesellen.
   14] Wie gedenkest Du, o Herr: habe ich auch wenigstens nur so im Vorbeigehen den rechten Sinn berührt?«
   15] Sage Ich: »Ganz vollkommen auch hier trotz des Humors, den du hier ganz passend hineingemengt hast! Da wir aber nun gesehen haben, daß auch Salomos Hoheslied enthüllt werden kann und du, Simon, selbst davon eine ganz andere Meinung überkommen hast, so soll uns nun auch dein Korrektor Gabi etwas zum besten geben; und zwar möchte Ich Selbst aus seinem Munde den Grund vernehmen, warum er denn für das Hohelied Salomos gar so eingenommen war, ohne es jedoch nur im geringsten verstanden zu haben! - Gabi, öffne demnach deinen Mund und sage uns etwas!«